Von Ängsten und Wodka am Baikalsee
Es ist Mitte Dezember 2017. Winter in Sibirien. Die Durchschnittstemperatur liegt bei -20 Grad. Seit etwas mehr als vier Wochen lebe ich nun schon alleine hier in meinem Häuschen am Baikalsee im Dorf Baikalskoe. Es ist wunderbar so fernab der Zivilisation: die Stille, die Natur und das einfache Leben. Ich fühle mich rundherum wohl und mein Tagesablauf hat inzwischen eine gewisse Routine.
Nach dem Abendessen lese ich für gewöhnlich noch ein wenig, gehe aber früh zu Bett. Meistens gegen 21:00 Uhr. Davor versäume ich nie, die große massive hölzerne Hoftür mit einem Holzbalken zu verriegeln.

Inzwischen besitze ich einen Eimer als Nachttopf. Einen Luxus, den ich mir nach zwei Wochen geleistet habe, denn ich bin es leid, nachts ständig mit der Taschenlampe bewaffnet nach draußen zum Plumpsklo gehen zu müssen. Dabei ist die Kälte noch mein kleinstes Problem. In Wirklichkeit fürchte ich mich.
Nicht wegen der Bären, die halten ja Winterschlaf. Nein, an dieser Stelle muss ich einfach zugeben, dass ich leidenschaftliche Stephen King-Leserin bin und meine Angst im Dunkeln, alleine, draußen wohl bis zu einem gewissen Prozentsatz darauf zurückzuführen ist. Auch diese Erfahrung ist Teil meines sibirischen Abenteuers…
Es ist mitten in der Nacht. Ich schlafe bereits tief und fest. Plötzlich nehme ich halb im Schlaf, halb im Unterbewusstsein, ein seltsames Geräusch war. Habe ich da eben ein TOCK, TOCK, TOCK an meinem Fußende gehört? Kann nicht sein? Ich schlafe wieder ein. Plötzlich noch einmal TOCK, TOCK, TOCK. Diesmal lauter und ja das Klopfen kommt eindeutig von der Wand am Fußende des Bettes. Ich erstarre vor Angst. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Was ist das??? Ich kann mich noch nicht einmal soweit bewegen, um nach meinem Handy das unter dem Kopfkissen liegt zu tasten.
Hinter mir am Kopfende meines Bettes steht ein Sessel, darüber ist ein Fenster. Plötzlich fällt der Lichtstrahl einer Taschenlampe durch das Fenster und das klopfen an der Wand geht weiter. TOCK, TOCK, TOCK. Ich höre eine Männerstimme dazu rufen. Okay es ist also menschlich und es ist männlich. Das macht die Sache aber auch nicht besser. Ganz im Gegenteil. Ich versteinere weiter in meinem Bett. Rutsche dabei immer weiter nach unten und möchte mich am liebsten in die Matratze bohren. Ruhig verhalten, nicht bewegen, nicht auffällig werden.
Noch immer bin ich nicht in der Lage das Handy zu benutzen und selbst wenn, Scheiße, ich kenne ja noch nicht einmal das russische Wort für Hilfe und überhaupt, was wenn das Licht des eingeschalteten Handys dann zu sehen ist. Geht gar nicht. Inzwischen ist die Person einmal um mein Haus herum und leuchtet wieder mit der Taschenlampe. Diesmal allerdings durch mein großes Küchenfenster auf der Vorderseite und klopft unablässig weiter gegen die Wand. Ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer keimt in mir auf. Wenn er mich überfallen will, dann hätte er mit Sicherheit schon das Fenster eingeschlagen. Ein schwacher Trost. Küchenfenster. Oh Gott, von da ist es nur einen Katzensprung zur Eingangstür. Habe ich wirklich ganz sicher die Tür verriegelt, als ich ins Bett bin? Just in diesem Moment trommelt ES gegen die Eingangstür und zerrt daran. Ein Alptraum. Bitte lass diese Tür halten.
Ich bin weiter starr vor Angst, unfähig und Unwillens mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Noch einmal geht er eine runde um das Haus und leuchtet in alle Fenster. Dann höre ich nichts mehr. Ich halte den Atem an bei dem Gedanken was wohl als nächstes kommen wird und stelle fest ZU VIEL STEPHEN KING. Meine Ohren sind bereit jedes Geräusch sofort aufzunehmen aber nichts passiert weiter. Stille. Ich horche. Höre aber weiter nichts. Gott, ist das jetzt gut oder schlecht. Ich habe keine Ahnung.
Eine gefühlte Stunde später kann ich mich endlich aus meiner Schockstarre lösen und meine Gedanken sortieren. Ich greife zu meinem Handy und rufe, selbstverständlich unter der Bettdecke, meine Freundin Marina in Irkutsk an. Sie spricht perfekt Deutsch. Ich erkläre ihr den Tränen nahe, was passiert ist und sie verspricht mir, sofort mit meiner Vermieterin Nina zu telefonieren. Noch immer liege ich im Bett. Dann der Rückruf von Marina. Nina ist auf dem Weg zu mir. Gut. Rettung naht!
Während ich auf Nina warte, fällt mir ein, dass ich nun wohl oder übel aufstehen muss, um den schweren Riegel der Hoftür zurückzuschieben. Sonst kommt Nina nicht auf das Grundstück. Ich warte. Endlich ruft jemand vor dem Eingangstor meinen Namen und gleichzeitig klingelt meinem Handy. Okay, es ist definitiv Nina, die da vor meiner Hoftür auf Einlass wartet. Ich löse mich aus meiner Schockstarre im Bett, ziehe mir schnell Hose und Jacke über, öffne die Haustür, renne über den Hof und entriegele die Tür. Ich bin so erleichtert Sie zu sehen, dass ich Sie in den Arm nehme und anfange zu weinen. Sie beruhigt mich. Aber ich will mich nicht beruhigen und deute auf die Spuren im Schnee, klopfe an die Hauswand und gestikuliere wild, um deutlich zu machen was passiert ist.
Nina nimmt, mit der Taschenlampe bewaffnet, die Verfolgung der verräterischen Fußspuren im Schnee auf. Sie geht bis zum Ende des Grundstücks, leuchtet dort hin und her und über den Zaun und kommt schließlich wieder zurück. Sie lächelt und bittet mich ins Haus, es sei ja schließlich cholodna (kalt). Da hat Sie Recht.

Als wir im Haus sind, bin ich sauer über ihre Ruhe und Gelassenheit und dann auch noch dieses Lächeln. Ich will sofort wissen, was hier los ist. Nina setzt sich zu mir und sieht mich ruhig und gelassen an. Nadja sagt Sie (schüttelt dabei mit dem Kopf und deutet mit der Hand nach draußen) Zentrum Kulturi. Bitte was? Ja, sagt Sie noch einmal „Zentrum Kulturi“. Wie bitte, die Kneipe??? Habe ich das jetzt richtig verstanden?
Ich rufe meine Marina an und gebe das Telefon weiter an Nina. Die beiden Frauen unterhalten sich völlig gelassen. Das gibt es doch nicht. Ich merke, wie ich langsam richtig böse werde. Als Nina mir das Telefon endlich zurück gibt, ist Marina noch in der Leitung. Nadine, sagt Sie, es ist nichts Böses hier im Dorf. Das hat mir Nina versichert. Es ist so, am Ende deines Grundstücks liegt die Dorfkneipe. Ein Mann war offensichtlich so betrunken, dass er dein Haus mit seinem Haus verwechselt hat und sich nun gewundert hat, warum er von seiner Frau ausgesperrt wird. NORMALNA brummt Nina noch dazwischen und zuckt dabei mit den Schultern. Ach so ist das. Hmmm bin ich jetzt erleichtert? Nein, nicht wirklich.
Nina bemerkt meine Verunsicherung und bietet an, dass ich die letzten 14 Tage meines Aufenthaltes bei ihr wohnen kann. Ehrlich gesagt bin ich auch kurz davor dieses Angebot anzunehmen. Die Angst vor den nun kommenden Nächten und das so etwas vielleicht noch einmal passiert ist groß. Letzten Endes entscheide ich mich aber dagegen. Ich möchte mich nicht aus meinem schönen Häuschen vertreiben lassen, auch wenn es meinen Aufenthalt etwas trübt, so entscheide ich mich doch zu bleiben. Mir ist bewußt, dass das nicht einfach werden wird.
Am nächsten Morgen kommt Leonid, der Mann von Nina vorbei, um Holz für mich zu hacken. Auch ihm erkläre ich erneut wild gestikulierend, was gestern Nacht passiert ist. Um Trost zu spenden, nimmt er mich in den Arm, drückt mich ganz fest an sich und bekundet: Nadja, NORMALNA!